„Blind durch Hamburg“

Abtauchen in die bunte Welt der Dunkelheit

Während einer Unterrichtstunde in unserem Diff-Kurs Mediengestaltung kam uns die Idee, für eine kurze Zeit in das Leben von blinden Menschen einzutauchen und über unsere Erfahrungen einen Artikel zu schreiben.

So haben wir angefangen zu recherchieren und sind schließlich auf das Projekt „Blind durch Hamburg“ gestoßen.

Initiiert wird das Ganze von Christian Ohrens.

Er ist 1984 geboren und von Geburt an blind.

Christian besitzt ein abgeschlossenes Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, ist freier Journalist, Web-, Foto- und Videoblogger und lebt seit zehn Jahren hier in Hamburg.

Des Weiteren arbeitete er im allseits bekannten „Dialog im Dunkeln“, doch hier wurde von Gästen der Wunsch dieses Erlebnis ins Freie zu transportieren immer lauter.

Und somit war die Idee der etwas anderen Stadtführungen geboren.

Wir nahmen per E-Mail Kontakt mit Christian auf und schilderten ihm unseren Wunsch, mal für ein paar Stunden unsere Sehkraft zu verlieren und somit einen etwas besseren Einblick in den Alltag von Menschen mit Sehbehinderung zu erlangen.

Am 15.10.18 war es dann so weit und wir konnten zur lang ersehnten Führung antreten.

Wir trafen uns mit Christian und einem weiteren jungen Mann, welcher sich als Björn vorstellte, vor dem DB Reisezentrum in der Wandelhalle.

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Hier wurden uns auch gleich die wichtigsten Infos für die nächsten Stunden an die Hand gegeben: zum Beispiel, dass wir die Augenmasken, die wir benötigten, um in die Dunkelheit abzutauchen, nicht absetzen sollten.

Des Weiteren sollten wir immer bei unserem Blindenführer eingehakt laufen und so mussten wir uns keine Sorgen machen, uns zu verirren.

Einen Blindenstock bekamen wir ebenfalls zur Hand, wofür wir auch eine kleine Einweisung erhielten.

Dann ging es auch schon los, durch die Wandelhalle zur Spitalerstraße.

Die ersten wackligen blinden Schritte für zwei Schülerinnen, die durchaus auch für ihre Tollpatschigkeit bekannt sind.

Wider Erwarten lief es doch ganz gut, sich ohne seine Sehkraft fortzubewegen und schnell merkte man, dass die anderen Sinne schärfer agierten.

So schien alles viel lauter als gewohnt zu sein und auch die Gerüche waren intensiver.

Mit der Orientierung war das so eine Sache, das ist tatsächlich gar nicht mal so leicht.

Besonders wenn man Straßen überqueren muss, woher weiß man ohne akustische Signalampel, wann man rüber laufen kann?

Oder woher weiß ich, in was für einem Geschäft ich mich befinde?

Um diese Fragen beantworten zu können, haben uns Christian und Björn in diverse Geschäfte geführt.

Von Klamottengeschäften, in welchen wir Materialien erfühlen sollten, über eine Buchhandlung, in welcher jeder Pergament-Liebhaber voll auf seine Kosten kommt, ging es auch noch in den Lego Store.

Hier lassen sich hervorragend die ganzen Kleinigkeiten ertasten und erleben.

Anschließend gingen wir in einen Teeladen, wo wir an diversen Teesorten riechen konnten und eine auch probieren durften.

Hier fühlten wir uns etwas wie ein Elefant im Porzellanladen, da wir Angst hatten, etwas umzuwerfen.

Die größte Herausforderung wartete jedoch am nächsten Stopp, einem Imbiss auf uns.

Hier sollten wir uns etwas zu trinken kaufen.

Aber wie bezahlt man denn, ohne etwas zu sehen?

Einfach das Portmonee hinhalten wäre da doch zu einfach gewesen, also machten wir uns daran, herauszufinden, welchen Schein oder welche Münze wir gerade in der Hand hielten, schließlich klappte es doch, das Getränk zu bezahlen.

Dann hieß es trinken, ohne sich alles übers Hemd zu schütten, auch gar nicht so einfach.

Nach dieser Erfrischung machten wir uns über die Mönckebergstraße auf den Weg Richtung Rathaus.

Vorbei an dem Gummibären Laden, wo es eine kleine Kostprobe gab, der Kirche, wo wir die Form der Türklopfer ertasten sollten.

Am Rathaus angelangt, haben wir noch die architektonisch markante Fassade ertastet, ein paar Bilder gemacht und wurden dann aus der Dunkelheit ins Licht wieder entlassen. Wow, war das hell!

Als Fazit lässt sich sagen, dass die Menschen, die mit dieser Form der Behinderung leben, noch mehr Respekt verdienen und dass es eine großartige Erfahrung war, für ein paar Stunden auf seine Sehkraft zu verzichten. Wir haben die Welt in einer ganz anderen Intensität kennen lernen dürfen, uns fremden Menschen anvertraut und sind um einige Vorurteile ärmer durch die Dunkelheit gelaufen.

Doch es war nicht nur Dunkelheit um uns herum, sondern auch ein buntes Potpourri an Geräuschen, Gerüchen und Empfindungen.

Es ist ein sehr lohnenswertes Projekt, was unserer Meinung nach jeder einmal ausprobieren sollte.

Nicht nur um neue Erfahrungen zu sammeln, sondern auch um sich wieder bewusst zu machen, dass wir alle zusammenhalten sollten und auch Menschen unsere Hilfe anbieten sollten, wenn wir denken, dass sie gebraucht wird.

Man sollte jedoch nicht einfach zur Tat schreiten, sondern zunächst einmal fragen, ob Hilfe erwünscht ist, denn manchmal kommen die Menschen, die uns hilfebedürftig erscheinen, erstaunlich gut selbst zurecht.

Ein großer Dank geht an Christian und Björn. die uns so souverän durch die Hamburger Innenstadt geführt haben, aber auch an Fr. Dr. Hasenkamp und dem Förderverein unserer Schule, der uns diese Führung und somit ein unvergessliches Erlebnis finanziert hat.

Anna Gunilla Lüeb, Maxi Tukunang VSc

 

1 Kommentar zu „Blind durch Hamburg“

  1. Dr. Birgit Hasenkamp // 27. Dezember 2018 um 20:32 // Antworten

    Liebe Frau Lüeb und liebe Frau Tukunang, herzlichen Dank für diesen augenöffnenden Bericht! Gerne hat der Förderverein der ASH Ihr ambitioniertes Projekt gesponsert, aber mit der Nennung meines Namens tun Sie mir zu viel der Ehre. Der Förderverein, das sind wir alle, und die meisten Mitglieder sind aktive und ehemalige SchülerInnen und Lehrkräfte der Schule, die dazu beitragen, dass ihre/unsere Schülerschaft Unterstützung erhält. „Du bist, was Du aus Dir machst!“ Dabei helfen wir gerne! Gute Ideen aus der Schülerschaft (wie die Ihre) zur Eigeninitiative sind dafür aber immer die Basis. Ihre Birgit Hasenkamp

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