Aufstieg durch Bildung – nichts als ein leeres Versprechen?

Lesung des Journalisten Marco Maurer in der ASH

Die Aula der Abendschule vor dem Holstentor ist voll wie sonst nur selten, auf den Plätzen vor dem Podium sitzt ein bunt gemischtes Publikum. Von Schülern bis Rentnern ist alles vertreten, denn es geht um ein Problem, das seit langem und wohl auch in der Zukunft Generationen von Schülern betrifft. Es geht um die vermeintliche Chancengleichheit in der Bildung in Deutschland.
Zu diesem Anlass liest Marco Maurer (auf dem Foto 2. von rechts), heute Journalist, früher Arbeiterkind und Hauptschüler, aus seinem Bestseller „Du bleibst was du bist – Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet“, basierend auf seinem ZEIT-Artikel „Ich, Arbeiterkind“, der in ganz Deutschland eine große Resonanz bei den Lesern hervorrief.
Eine Moderatorin leitet das Thema kurz ein, Marco Maurer betritt das Podium. Er ist jünger als erwartet, kleidet sich wie ein Großteil der Schüler und macht einen lockeren, sympathischen Eindruck. Während der Lesung wird deutlich, was in der Einleitung der Moderation schon erwähnt wurde. Maurer stammt aus einer Arbeiterfamilie, bekam von seinem Lehrer eine Hauptschulempfehlung, offensichtlich nicht aufgrund seiner Leistungen, sondern vielmehr aufgrund seiner sozialen Herkunft. Er absolvierte eine Lehre als Molkereifachmann, arbeitete in diesem Job, den er wohl nie wirklich leiden konnte, und quittierte ihn nach kurzer Zeit, um seinen Kindheitstraum zu verwirklichen: Journalist werden. Wie alle von uns führte er seinen Bildungsweg an einer Abendschule fort. Maurer berichtet, wie der Besuch der Abendschule und das darauf folgende Studium sein Leben und sein soziales Umfeld veränderten. Wie der Spagat zwischen den alten Freunden und den neuen Freunden immer schwieriger wurde. Denn Bildung verbindet und spaltet im selben Atemzug.
Diese Hintergründe mögen wohl auch ein Grund dafür sein, dass während der Lesung eine bemerkenswerte Stille unter den Schülern herrscht, die ansonsten bei einer so großen Schülermenge an einem Ort konzentriert ehr ungewöhnlich ist. Der Mann, der dort vorliest, erzählt nun mal eine Geschichte, die der der meisten von uns erschreckend ähnelt.
In seinem Buch prangert Maurer das deutsche Bildungssystem an, das einem großen Teil der Bevölkerung „Bildung systematisch vorenthält“. Eine Vermutung auf Grund eines persönlichen Schicksals? Wohl kaum. Anlass für den Artikel in der ZEIT gab eine Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks und der Bildungsstudie OECD, welche offenlegte, dass von 100 Akademikerkindern 77 ein Hochschulstudium aufnehmen, während es bei 100 Arbeiterkindern lediglich 23 schaffen.
Nachdem die Lesung nicht nur interessant, sondern streckenweise auf eine subtile Weise sogar amüsant war, folgt eine Podiumsdiskussion. Neben Maurer und der Moderatorin mit von der Partie sind ein SPD-Abgeordneter und David Dietsch, selbst Student aus einer Arbeiterfamilie und tätig für den Verein ArbeiterKind.de.
Es geht darum, wie ungerecht das deutsche Bildungssystem tatsächlich ist, welche Erfahrungen gemacht wurden, was die Politk dagegen tut oder tun sollte und wie Betroffenen geholfen werden könnte. Bedauerlicherweise verwechselt der SPD-Abgeordnete die Diskussion mit einer Wahlkampfveranstaltung und macht mehr Werbung für die großartige Bildungspolitik seiner Partei, als dass er sinnvolle Lösungsansätze für ein immer noch bestehendes Problem – ja, es besteht immer noch trotz eurer theoretischen Erfolge! – liefert. David Dietsch hingegen spricht offen über seinen Werdegang, finanzielle Hürden und sein Projekt. Woraus mit eventuell etwas mehr Interaktion mit dem Publikum eine interessante Diskussion hätte werden können, wurde leider nicht viel mehr als ein von dem SPD-Mann dominiertes SPD-Verteidigungsspiel, bei dem die Diskussion etwas zu kurz kam.
Profilgebend für den Abend war jedoch Maurers Lesung, die neben reichlich Indentifikationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler auch Denkanstöße gab, das Bildungssystem in Deutschland  kritisch zu hinterfragen.
Als Schüler sollten wir mit mehr Selbstbewusstsein an Herausforderungen gehen, ohne uns von negativen Einschätzungen aus der Vergangenheit oder der Gegenwart demotivieren zu lassen.

 

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