Tatort Familie

Nicht selten ist der Täter ein Bekannter

„27-jähriger Mann ersticht Freundin (25) nach Streit“

„Rentner von Tochter erstickt“

„Mann (24) prügelt Tochter (4) tot“

Solche oder ähnliche Schlagzeilen erreichen uns fast täglich. Immer wieder berichten Medien aller Art über grausame und scheinbar unerklärliche Taten.
Was für Schicksale verbergen sich hinter Schlagzeilen wie diesen? Ist jeder dieser Täter die Personifizierung des Bösen oder unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von Nichttätern, wie wir das denken oder hoffen?

So etwas kann mir nicht passieren, mit solchen Menschen habe ich nichts zu tun!“

Wie realitätsnah ist dieser Gedanke? Müssen wir uns tatsächlich am meisten davor fürchten, das Zufallsopfer eines fremden Täters zu werden?
Medial wird dieser Gedanke oft bestärkt, dabei sieht die Realität ganz anders aus. Im Jahr 2015 wurden in Deutschland 296 Morde begangen, bei 246 dieser Morde bestand vor der Tat eine räumliche und/oder soziale Beziehung zwischen Opfer und Täter; das sind ca. 83%. Bei Totschlägen sind es sogar 88%¹.
Statistisch gesehen sind wir also durch unser Umfeld, also Eltern, Partner, Freunde etc., mehr gefährdet als durch eine fremde Person. Es ist somit relativ selten, dass ein Mord ohne jegliche Vorgeschichte zwischen Täter und Opfer stattfindet.
Heißt das zugleich, dass in jedem von uns ein Mörder steckt? Können auch wir situativ so stark beeinflusst werden, dass wir zu Tätern werden?
Um diese Frage zu beantworten, zitiere ich die Kriminalpsychologin Lydia Benecke²: „(…) Es gibt eine gewisse Spannbreite; bei manchen Menschen ist es sehr, sehr schwierig, sie durch bestimmte Umstände dazu zu bekommen, ein schlimmes Verbrechen zu begehen und bei manchen Menschen ist es sehr einfach.(…)“
Dies hängt von bestimmten Persönlichkeitseigenschaften und ihrer Ausprägung ab. Ein Mensch mit geringem Empathievermögen zum Beispiel wäre unter bestimmten Umständen eher zu einer Straftat in der Lage als ein Mensch mit einem stärker ausgeprägten Empathievermögen. Das heißt jedoch nicht, dass jeder Mensch mit einer verhältnismäßig schwachen Empathiefähigkeit automatisch zum Straftäter wird.
Lydia Benecke²: „Das ist eben wie wenn man Zigaretten raucht. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, wenn Sie 20 Jahre Kettenraucher sind, dass sich das  nicht so positiv auswirkt auf Ihre Gesundheit. Nur der eine kriegt vielleicht Lungenkrebs, der andere kriegt ’ne Herzkreislauferkrankung und vielleicht wird auch jemand 100, der Kettenraucher ist. Das heißt, je nachdem welche Gene Sie haben und welche anderen Umwelteinflüsse in Ihrem Leben sind, kann sich halt so ’n Kettenrauchen recht unterschiedlich auswirken. Das heißt, bei zehn Kindern, die dieselben Traumata erlebt haben, kann das eine Kind depressiv werden, das nächste Kind hat vielleicht ’ne Panikstörung später und das dritte Kind kann ’ne schwere Persönlichkeitsstörung entwickeln oder im Extremfall auch mehrere zusammen.

Neben diesen Faktoren spielt aber auch die gesellschaftliche Norm eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel das bestehende Machtverhältnis zwischen Mann und Frau. Ein Beispiel: Früher galt das sogenannte Schuldprinzip in Deutschland. Wenn eine Frau, aus welchen Gründen auch immer, die Scheidung einreichen wollte, wurde ihr die alleinige Schuld am Scheitern der Ehe gegeben. Infolgedessen wurden ihr jegliche Unterhaltsansprüche verwehrt und sie war sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich ruiniert. Lore Peschel-Gutzeit (Familienrichterin)³: „Wenn ich die Frau war, die sonst nicht versorgt war – ich war ja nur Hausfrau, ich hatte ja kein Einkommen, ich hatte ja auch keine Rente, (…), dann hatte ich jedes Interesse daran, nicht schuldig geschieden zu werden.“ Um dem drohenden sozialen Abstieg zu entgehen, sahen einige Frauen ihre einzige Chance in der Ermordung ihres Ehepartners, obwohl sie unter anderen Umständen wahrscheinlich nie zu Täterinnen geworden wären.  (Erst 1977  tritt das Zerrüttungsprinzip in Kraft, demnach dürfen beide Partner die Scheidung einreichen.)
Das macht klar, dass sich die Frage nach der Fähigkeit, einen Mord zu begehen, wie viele andere Fragen in diesem Themenbereich, nicht pauschalisieren lässt und in jedem Fall individuell zu prüfen ist, wie es zu dieser Tat kommen konnte.
Auch wenn viele Taten Ähnlichkeiten aufweisen, ist kein Fall wie der andere.

Quellen: ¹polizeiliche Kriminalstatistik, ²NDR Talk Show, ³Phoenix Doku

Ein Beitrag von Samira Toueche, VSd

1 Kommentar zu Tatort Familie

  1. Ein sehr spannender und informativer Artikel, der einen zum Nachdenken bringt. Und es ist wirklich erschreckend, dass die Täter sich überwiegend im sozialen Umfeld befinden und einem nicht, wie man doch meistens vermutet, fremd ist. Ich hoffe sehr, dass weitere Artikel zum Thema „Crime“ folgen.

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